Wut
September 19, 2009 um 7:43 nachmittags | Veröffentlicht in 50er Jahre, Leben, Politik | Hinterlasse einen KommentarSchlagwörter: Haus, Ruin, Verkauf, Wut
Wissen Sie, was ich so gar nicht mag? Tratschende, kleinbürgerliche Menschen, die meinen, sich über Alles und Jeden ihr hässliches Maul zerreißen zu müssen. Ich lebe mitten unter Ihnen. Sie gönnen Dir alles. Nur keinen Erfolg. Glück schon gar nicht. Bist Du aber am Ende, ruiniert oder hast etwas Unrechtes getan, ja, damit machst Du ihnen die größte Freude.
Meine Familie muss ihr Haus verkaufen. Mein Elternhaus. Eine Villa aus den 50er-Jahren. Nicht schön, aber beeindruckend. Und im Unterhalt viel zu teuer. Wir können es uns nicht mehr leisten. Also sind wir gezwungen, das Anwesen nebst dem parkähnlichen Garten zu veräussern. Eine Tragödie. Da ein Haus dieser Größe nur schwer zu vermitteln ist, gibt es die Überlegung, es abreissen zu lassen, um das Grundstück als Bauland zu verkaufen. Darauf sollen dann über 20 staatlich geförderte Wohnungen bzw. Häuser errichtet werden. Mit eigenen Stellplätzen. Toll. Bin beeindruckt. Ganz ehrlich: ich könnte kotzen!
Verzeihen Sie mir meine drastische Ausdrucksweise, aber wir haben in den letzten Tagen alles ertragen: Politiker und Reporter, die über unser Grundstück schlichen, blöde Fragen stellten und Fotos machten. Wildfremde Menschen, die anriefen, um zu fragen, was jetzt los sei und warum wir jetzt so plötzlich verkaufen müssen. Die Zeitungen berichteten, sehr ausführlich, mit Foto und Adresse, damit auch gleich jeder weiß, über wen genau hergezogen werden muss.
Mit dem Verkauf unserer Villa geht eine Familienära zu Ende. Mein Großvater hatte es geplant, gebaut und nach eigenen Vorstellungen gestaltet. Es war und ist das Zuhause für drei Generationen, ein Ort der Ruhe und der Geborgenheit. Damit ist es vielleicht bald vorbei und die alten Mauern und Bäume müssen Baggern und der Abrissbirne Platz machen. Es fühlt sich an, als würde mir jemand, gänzlich ohne Rücksicht oder Gefühl, mein Herz heraus reißen. Aber wir werden nicht aufgeben! Das ist ein Versprechen. Ich werde für den Erhalt kämpfen, mit aller Kraft und höchstem Einsatz.
In der Not entwickelt der Mensch ja angeblich ungeahnte Kräfte. Darauf baue ich. Ich brauche Kraft. Und eine gehörige Portion Arroganz und vorallem Stolz, um diesen Heuchlern und Idioten die Stirn zu bieten. Sollen sie doch reden. Wenn es sie glücklich macht, haben wir wenigstens ein gutes Werk getan, nicht wahr?
Und meine verletzte Seele wird niemand sehen, dafür sorge ich.
Deine/Eure/Ihre
Zoey
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